Arbeitsbesuch der Ministerin 

Viel Potential für eine Kooperation mit der Lutherstadt Eisleben - Sachsen-Anhalts Ministerin für Justiz und Verbraucherschutz Franziska Weidinger zu Gast in Lutherstadt Eisleben – Erweiterung der Justizvollzugsanstalt Volkstedt, Fachkräftegewinnung und neue Perspektiven für Zusammenarbeit im Mittelpunkt

Die Lutherstadt Eisleben war am Donnerstag Station eines Arbeitsbesuchs von Sachsen-Anhalts Justizministerin Franziska Weidinger. Gemeinsam mit Bürgermeister Carsten Staub, Bauamtsleiter Sven Kassik und Vollzugsleiter Marcel Enger informierte sie sich über aktuelle Entwicklungen am Justizstandort und tauschte sich über mögliche neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Justiz, Stadt und Region aus.

Justizvollzugsanstalt Volkstedt: Vom möglichen Aus zum modernen Zukunftsstandort

Erste Station war die Justizvollzugsanstalt Volkstedt. Dort überzeugte sich die Ministerin vom Fortschritt des umfangreichen Erweiterungsbaus. Die Anstalt wird derzeit für weit mehr als 200 Millionen Euro erweitert. Die Fertigstellung erster Bereiche ist für 2028 vorgesehen.

Für Bürgermeister Carsten Staub ist die Entwicklung der vergangenen Jahre eine bemerkenswerte Kehrtwende. Noch vor einigen Jahren war die Schließung des Standorts im Gespräch und heute ist es ein Zukunftsstandort. „Das ist eine echte Erfolgsgeschichte“, so Staub. „Aus einem Standort, bei dem es lange um die Frage ging, ob er erhalten bleibt, wird eine moderne und zukunftsfähige Justizvollzugsanstalt. Das ist nicht nur für die Justiz wichtig, sondern auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für unsere Stadt und die Region.“

Ministerin Weidinger unterstrich die besondere Bedeutung des Standorts. Die Justizvollzugsanstalt sei fest in der Region verwurzelt, in der Bevölkerung akzeptiert und ein wichtiger Partner für die regionale Wirtschaft. Viele Bedienstete leben in der Region. Entscheidend für die positive Entwicklung sei auch das gute Zusammenspiel der Verantwortlichen vor Ort gewesen. Bürgermeister und Landrat hätten frühzeitig die Chancen erkannt, die sich aus der Weiterentwicklung des Standorts ergeben. Mit dem Ausbau rückt allerdings eine weitere Herausforderung in den Mittelpunkt: die Gewinnung qualifizierter Fachkräfte. Bei einem Rundgang und im Gespräch mit Bediensteten wurde deutlich, wie vielfältig die Anforderungen an die Beschäftigten im Justizvollzug sind. Gesucht werden Menschen, die verantwortungsbewusst, aufmerksam und belastbar sind und auch in schwierigen Situationen ruhig und souverän handeln können. Neben klassischen Bewerberinnen und Bewerbern sind dabei ausdrücklich auch Quereinsteiger willkommen. Die Justiz sucht auch für den Standort Volkstedt regelmäßig Verstärkung und bietet Ausbildungsplätze an. Alle Infos hierzu sind auf der Webseite www.justizkarriere.de zu finden.

Chancen für Ausbildung, Bildung und Fachkräfte in der Region

Aus dem Arbeitsbesuch ergaben sich darüber hinaus zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine engere Zusammenarbeit von Justizvollzugsanstalt und Stadt. So wurde unter anderem die Idee diskutiert, Ausbildungs- und Fortbildungsangebote stärker in Eisleben zu verankern, um junge Menschen in die Region zu bringen oder hier zu binden. Bauamtsleiter Sven Kassik, der den Arbeitsbesuch initiiert hatte, sieht darin eine Chance, Eisleben stärker als Bildungs- und Ausbildungsstandort ins Gespräch zu bringen. „Wir müssen uns fragen, was wir selbst in unserer Region leisten können und welche Angebote wir hier entwickeln können. Wo junge Menschen lernen, studieren oder ihre Ausbildung absolvieren, entstehen auch soziale Bindungen. Das kann dazu beitragen, junge Menschen langfristig in der Region zu halten“, so Kassik.

Auch eine mögliche Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek wurde von der Ministerin angesprochen. Gerade das Thema Leseförderung und Zugang zu Büchern könnte ein Ansatzpunkt für gemeinsame Projekte mit der JVA Volkstedt sein.

Ausbildungspartnerschaften mit Handwerk und Betriebshof

Konkreter werden könnten Kooperationen auch im Bereich der beruflichen Qualifizierung von Insassen. Im Gespräch waren unter anderem Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten in den Bereichen Holz, Metall sowie Garten- und Landschaftsbau. Von besonderem Interesse für die Stadt ist dabei die Zusammenarbeit im Bereich des offenen Vollzugs. Denkbar wäre beispielsweise, geeignete Inhaftierte im Rahmen ihrer Vorbereitung auf die Entlassung zeitweise in städtischen Arbeitsbereichen einzusetzen und ihnen dadurch praktische Berufserfahrungen und Einblicke in den Arbeitsalltag zu ermöglichen. Als möglicher Partner wurde dabei auch der städtische Betriebshof ins Gespräch gebracht.

„Wir haben großes Interesse daran, solche Möglichkeiten gemeinsam weiterzuentwickeln“, betonte Bürgermeister Carsten Staub. Ziel sei es, vorhandene Kompetenzen zu nutzen, Perspektiven für die Zeit nach der Haft zu schaffen und gleichzeitig einen Beitrag zur Fachkräftegewinnung zu leisten.

Schülerrichter: Verantwortung übernehmen und Kompetenzen erwerben

Eine ganz tolles Projekt aus anderen Kommunen brachte die Justizministerin ins Gespräch: Schülerrichter. Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse können sich unabhängig von der besuchten Schulform zu Schülerrichtern qualifizieren und anschließend reale Fälle unter fachlicher Begleitung verhandeln. Das Projekt setzt bewusst früh an. Gerade bei beginnender Kriminalität könne die Auseinandersetzung mit konkreten Fällen dazu beitragen, Folgen des eigenen Handelns sichtbar zu machen und Rückfälle zu vermeiden. Neben juristischem Wissen erwerben die Jugendlichen dabei auch ganz praktische Fähigkeiten: zuhören, argumentieren, Gespräche führen, unterschiedliche Perspektiven verstehen und Entscheidungen treffen. In diesem Zusammenhang kam man auch auf das Amtsgericht zu sprechen: Auf die Frage nach der Zukunft des Standorts stellte Justizministerin Franziska Weidinger klar, dass keine Bestrebungen bestehen, den Standort zu verändern oder zu reduzieren.

Justiz und Stadt vor neuen gemeinsamen Aufgaben

Zum Abschluss des Arbeitsbesuchs standen weitere mögliche Kooperationsfelder auf der Agenda. Dazu gehört auch die Frage einer möglichen gemeinsamen Energieversorgung des Amtsgerichts im Zusammenhang mit den Überlegungen der Stadt, den Bereich des Stadtparks zu einem Bürger- und Energiepark weiterzuentwickeln. Im Zuge der geplanten Neugestaltung sollen unter anderem Möglichkeiten der Geothermienutzung geprüft werden. Ob und in welcher Form sich daraus auch für das nahegelegene Amtsgericht Perspektiven ergeben können, soll im weiteren Austausch untersucht werden.

Bürgermeister Carsten Staub resümiert schlussendlich: „Wir haben hier einen starken Justizstandort, eine engagierte Stadt und viele Möglichkeiten, voneinander zu profitieren. Wenn wir diese Potenziale zusammenbringen, können daraus konkrete Angebote und neue Perspektiven für Eisleben und die gesamte Region entstehen.“