Startschuss für weitere Erforschung der Königspfalz Helfta
Touristische Entwicklung ermöglicht neue archäologische Untersuchungen
Die lange verschollene Königspfalz Helfta bei Lutherstadt Eisleben stand in den Jahren 2021 bis 2023 im Mittelpunkt archäologischer Forschungsgrabungen des Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Als herausragende Ergebnisse gelten die Wiederentdeckung der von Otto dem Großen vor 968 gegründeten Radegundiskirche sowie des repräsentativen Palastes (Palatium), der als Hauptgebäude der ottonischen Pfalz diente.Die Untersuchungen des Pfalzgeländes sollen nun fortgesetzt werden. Ermöglicht wird dies durch die Entwicklung einer touristischen Infrastruktur durch die Lutherstadt Eisleben mit Förderung des Landes Sachsen-Anhalt im Rahmen des Strukturentwicklungsprogramms „Sachsen-Anhalt REVIER 2038“.
Am heutigen Tag unterzeichneten Harald Meller und Bürgermeister Carsten Staub eine Vereinbarung für weitere Grabungs- und Forschungsarbeiten des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt auf dem Gebiet der ehemaligen Pfalzanlage in Helfta. Im Rahmen des Pressegesprächs führte Meller dabei noch einmal die Bedeutsamkeit der wiederentdeckten Pfalz im kulturhistorischen Kontext aus. Zugleich lobte er nicht nur die fantastische Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Eisleben, sondern auch das das Projekt begleitende Team im Bauamt. Nicht zuletzt: „Etwas wiederaufzubauen machen wir selten – in Eisleben ist es etwas Besonderes.“ Besonders seien auch die Funde, die in den vergangenen Grabungen seit 2021 durch Felix Biermann und sein Grabungsteam der Helftaer Flur entlockt werden konnten: die Radegundiskirche etwa – jene der thüringischen Prinzessin und späteren Heiligen der katholischen Kirche gewidmete Pfalzkirche – oder das Palatium, dessen Stufen (ebenfalls ausgegraben) bereits von Otto II. und seiner Gemahlin Theophanu beschritten wurden.
250 Gräber wurden bereits freigelegt, darunter das berühmte Kindergrab von Helfta – inklusive zahlreicher Beigaben: Brezelfibeln, Gürtelschnallen und Kruzifixe. Meller zählt auf und ist überzeugt: „Wir glauben fest, dass man diesen Ort wiederbeleben sollte.“ Denn, so führt er weiter aus: Wer hier oben stehe, fühle sich wieder wie der König der Welt.
Das müssen sich auch Otto I. und folgende Generationen gedacht haben – konnte das LDA doch bereits mittels Grabungsfunden Bauten aus fünf Jahrhunderten nachweisen.Und nun? Prof. Felix Biermann sieht – aus Forschungssicht – unendliches Potenzial in Helfta. Geld und Zeit vorausgesetzt, könnte man sich hier in den nächsten Jahren einen umfassenden Überblick über die Ottonenzeit verschaffen. Zwei weitere Kirchenfunde stellt er noch in Aussicht. Dieses Jahr wird es weitergehen, dann zunächst unter anderem an der Wallanlage der Helpidenburg. Im Vordergrund stehen allerdings zunächst die Grabungen, die die Stadt als Bauherr verpflichtend vor einer infrastrukturellen Erschließung vornehmen lassen muss. Kurzum: erst die Grabung, dann die Straße.
In den kommenden Jahren – und damit schließt Meller – soll hoch oben, über den Dächern Helftas, ein außerschulischer Erlebnisort entstehen, an dem man etwas über seine Heimat lernen kann.
Hier die ganze Pressemitteilung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie:
Die lange verschollene Königspfalz Helfta bei Lutherstadt Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) stand in den Jahren 2021 bis 2023 im Mittelpunkt archäologischer Forschungsgrabungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt. Geradezu sensationell waren die Wiederentdeckung der von Otto dem Großen vor 968 gegründeten Radegundiskirche sowie des repräsentativen Palastes, in dem die ottonischen Herrscher bei ihren Aufenthalten in Helfta residierten. Die Untersuchung des Geländes dieser geradezu idealtypischen Pfalz soll in diesem Jahr im Zusammenhang mit der durch das Land Sachsen-Anhalt geförderten Entwicklung einer touristischen Infrastruktur für die Königspfalz Helfta durch die Lutherstadt Eisleben fortgesetzt werden.
Der Hügel ›Kleine Klaus‹ vor den Toren der Lutherstadt Eisleben (Landkreis Mansfeld-Südharz) stand in den Jahren 2021 bis 2023 im Mittelpunkt eines Forschungsprojektes des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt. Bereits zuvor hatten heimatkundliche und archäologische Feldforschungen – darunter insbesondere auch geophysikalische Untersuchungen des LDA Sachsen-Anhalt – belegt, dass sowohl der aus Urkunden zu erschließende ottonische Königshof als auch die im Hersfelder Zehntverzeichnis erwähnte karolingische Helphideburg auf den benachbarten Hügeln ›Große Klaus‹ und ›Kleine Klaus‹ zu suchen waren. Die auf diesen Ergebnissen aufbauenden Forschungsgrabungen erbrachten geradezu sensationelle Befunde.
So konnten im Jahr 2021 auf der ›Kleinen Klaus‹ die Überreste der Radegundiskirche aufgedeckt werden. Dieses vor 968 von Otto dem Großen gestiftete, der heiligen Thüringerprinzessin Radegundis geweihte, mehrfach erneuerte und umgebaute Gotteshaus stellte in seiner letzten Phase eine über 30 Meter lange, kreuzförmige und dreischiffige Basilika dar. Vom 10. bis zum 12./13. Jahrhundert wurden im Inneren der Kirche, aber auch in dem Friedhof nördlich und südlich des Bauwerks über 250 Bestattungen angelegt.
Ebenso spektakulär wie die Identifizierung der Kirche war die Entdeckung des Palatiums, des repräsentativen Hauptgebäudes der Pfalz, im darauf folgenden Jahr. Das langrechteckige, aus vermörtelten und verputzten Sandsteinmauern errichtete Gebäude in prominenter Lage, unmittelbar nordwestlich der Radegundiskirche war unter Otto dem Großen erbaut worden. Es maß 21,50 Meter mal 7 Meter, verfügte ursprünglich über ein Obergeschoss sowie eine aufwendige und leistungsfähige Warmluftheizung. In einer Zeit, in der Wohngebäude üblicherweise als Pfostenbauten oder Grubenhäuser ausgeführt waren, kann der monumentale und ungewöhnlichen Komfort bietende Steinbau nur als Palast gedient haben, in dem sich die Wohnräume der königlichen Familie während ihrer Aufenthalte in Helfta sowie eine herrschaftliche Halle befanden.
Der mit diesen beiden Großbauten erfasste Kern der Pfalz Helfta war von weiteren Siedlungsstrukturen sowie einem Befestigungssystem aus Wall und Graben umgeben, das bereits auf die Zeit der karolingischen Helphideburg zurückging. Aus dieser Zeit stammt auch die 2023 untersuchte Bestattung eines Mannes, den ein als Amtsstabspitze gedeuteter eiserner Stabdorn als Würdenträger der Burg ausweist. Weitere Befestigungsanlagen sowie ein Rechteckturm sind einer hoch- und spätmittelalterlichen Burg zuzuordnen, die im 12. bis 15. Jahrhundert auch schriftliche Erwähnung findet. Im Bereich der möglicherweise bereits ruinösen Radegundiskirche bestand im späten Mittelalter und der Frühen Neuzeit eine Gastwirtschaft, bevor die Anlagen auf der ›Kleinen Klaus‹ dem Vergessen anheimfielen.
Neben den skizzierten Befunden erbrachten die Forschungsgrabungen der Jahre 2021–2023 reiches Fundmaterial aus dem 8. bis 15. Jahrhundert, darunter Keramik, Tracht- und Schmuckbestandteile wie Fibeln, Ohr- und Fingerringe, Gürtelschnallen und Riemenzungen, verzierte Beschläge, aber auch zahlreiche Münzen und das Fragment der Kirchenglocke. Diese Funde werden derzeit im LDA Sachsen-Anhalt weiter untersucht und ausgewertet.
Daneben soll, wie der Bürgermeister der Lutherstadt Eisleben Carsten Staub und Landesarchäologe Prof. Dr. Harald Meller heute bekannt gaben, die Untersuchung des Pfalzgeländes in diesem Jahr fortgesetzt werden. Ermöglicht wird dies durch die Entwicklung einer touristischen Infrastruktur für die Königspfalz Helfta durch die Lutherstadt Eisleben mit Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt im Rahmen des Strukturentwicklungsprogramms Mitteldeutsches Revier Sachsen-Anhalt ›Sachsen-Anhalt REVIER 2038‹. Das Vorhaben trägt der Bedeutung der bisherigen archäologischen Forschungsergebnisse, insbesondere aber auch der weit über Sachsen-Anhalt hinausgehenden historischen Bedeutung des Platzes als wiederentdecktem wichtigen Herrschaftsort der Ottonen Rechnung.
„Zugleich erfüllt die Lutherstadt Eisleben mit diesem Vorhaben ihren gesellschaftlichen Auftrag, das kulturelle Erbe der Region zu bewahren, historische Besonderheiten zu vermitteln und Geschichte als Bestandteil kollektiver Identität erlebbar zu machen.“
Im Mittelpunkt der archäologischen Untersuchungen, die voraussichtlich im Spätsommer 2026 beginnen werden, stehen weitere Baulichkeiten der ottonischen Pfalz und der karolingischen Burg, die früh- bis spätmittelalterlichen Befestigungen, weitere karolinger- und ottonenzeitliche Gräber sowie die ausgedehnten Vorburgen, in denen die einfache Bevölkerung lebte und arbeitete.